Es gibt da eine Meinungsströmung, die für mich bemerkbar seit etwas mehr als einem Jahr durch die Medien schwappt (wenn man genauer recherchiert, wird man bestimmt feststellen, dass es sie schon viel, viel länger gibt):
3sat, die
Stuttgarter Zeitung und neuerdings widmet das
Wirtschaftmagazin brandeins ihre
komplette aktuelle Ausgabe diesem Thema: Arbeit, insbesondere Arbeit in Form von Vollbeschäftigung, ist ein Auslaufmodell.
»DER LOHN DER ANGST
Automation und Fortschritt, Wissensarbeit und Kapitalismus
vernichten Arbeitsplätze. Und das ist gut so.
Es geht nämlich auch anders [...]«
Recht hat er, der Autor
Wolf Lotter. All die Mühe, die wir in Fortschritt und technologische Weiterentwicklung stecken, dienen doch ganz offensichtlich dazu, all die stinklangweiligen, dreckigen oder gefährlichen Arbeiten nicht mehr selbst machen zu müssen. Und wenn Technologie und Fortschritt diese Ziele erreichen, stehen wir einigermaßen fassungslos da und finden's blöd, weil wir Arbeit doch zum Sinn des Lebens erhoben haben.
»Schon die Phrase von der Rückkehr zur Vollbeschäftigung ist eine Farce. Zu keinem Zeitpunkt des Industriekapitalismus, der seit fast zwei Jahrhunderten währt und der ohne Zweifel die meisten Beschäftigten aller Zeiten generierte, gab es so etwas Ähnliches wie Vollbeschäftigung für mehr als einige kurze, außergewöhnliche Jahre. Was die Arbeitswütigen meinen, umschreibt den Zeitraum von Anfang der fünfziger bis Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Das ist die Zeit, die bis heute als unverrückbares Ziel dieser Gesellschaft beschworen wird: das deutsche Wirtschaftswunder. Es stützt sich allerdings auf 60 Millionen Tote, die Opferzahl des Zweiten Weltkriegs.«
Konsequenz? Entweder wir dezimieren die Bevölkerung erneut oder wir läuten den Paradigmenwechsel ein, welcher der Arbeit endlich den sinnstiftenden Nimbus nimmt. Arbeit ist nicht Sinn und Inhalt des Lebens und da es uns nicht an Produktivität und Wirtschaftskraft mangelt, haben wir es auch nicht nötig, uns das immer weiter vorzumachen.
Und in dem Maße, wie die zitierte Strömung durch ein immer breiteres Medienspektrum schwappt, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser Wechsel auch eines nicht unendlich fernen Tages vollziehen lässt. Ich bin gespannt.
Und ja, ich bin seit Beginn meiner eigenen Vollbeschäftigung vollauf damit beschäftigt, sie so schnell wie möglich überflüssig zu machen ...